Mit Fremden reden: Warum es besser ist, als wir erwarten
Wissenschaft · 1. Oktober 2026 · 6 Min. Lesezeit · Serdar Freimoser
Wir meiden Gespräche mit Fremden, weil wir sie für unangenehm halten. Drei Studien zeigen: Wir liegen dabei systematisch falsch — und zwar in dieselbe Richtung.
Kurz gesagt
- Pendler, die mit einem Fremden sprechen sollten, erlebten die Fahrt angenehmer als die, die für sich blieben — obwohl sie vorher das Gegenteil erwartet hatten.
- Nach einem Gespräch unterschätzen wir, wie sehr uns das Gegenüber mochte. Die Forschung nennt das die „Liking Gap“.
- Auch flüchtige Kontakte zählen: An Tagen mit mehr kleinen Begegnungen berichten Menschen über mehr Wohlbefinden.
Die kurze Antwort
Gespräche mit Fremden verlaufen meist besser, als wir vorher glauben. Mehrere Studien zeigen denselben Denkfehler: Wir unterschätzen, wie gern andere reden, wie angenehm das Gespräch wird und wie sympathisch man uns danach findet. Deshalb bleiben wir lieber still, obwohl wir uns nach dem Reden besser fühlen würden.
Das Pendler-Experiment
Nicholas Epley und Juliana Schroeder baten Pendler in Chicago auf dem Weg zur Arbeit um eines von drei Dingen: mit einem Fremden ins Gespräch kommen, für sich bleiben oder die Fahrt verbringen wie immer. Wer geredet hatte, beschrieb die Fahrt danach als angenehmer als die anderen beiden Gruppen.
Der interessante Teil kam vorher: Andere Pendler sollten nur vorhersagen, wie es ihnen in welcher Gruppe ginge. Sie erwarteten das Gegenteil, nämlich dass das Gespräch die Fahrt verschlechtert. Dahinter steckte eine bestimmte Annahme: Die meisten glaubten, ihr Gegenüber hätte wenig Lust zu reden. Sie selbst wären zwar offen gewesen, trauten das aber den anderen nicht zu.
Wir schweigen nicht, weil Reden unangenehm wäre. Wir schweigen, weil wir glauben, der andere will nicht.
Die „Liking Gap“: Man mag uns mehr, als wir denken
Erica Boothby und Kollegen ließen Menschen, die sich nicht kannten, ins Gespräch kommen. Danach sollten beide angeben, wie sympathisch sie das Gegenüber fanden — und wie sympathisch das Gegenüber sie wohl fand. Das Ergebnis war erstaunlich stabil: Im Schnitt unterschätzten die Teilnehmenden, wie sehr der andere sie mochte.
Der Grund liegt vermutlich in der Selbstbeobachtung. Während des Gesprächs sind wir mit unseren eigenen Pausen, Versprechern und dem einen ungeschickten Satz beschäftigt. Das Gegenüber bemerkt davon kaum etwas. Wir bewerten uns nach dem, was wir an uns kritisch finden, und der andere nach dem Gesamteindruck.
Auch flüchtige Kontakte zählen
Gillian Sandstrom und Elizabeth Dunn untersuchten, welche Rolle schwache Bindungen spielen, also Menschen, die man kaum kennt: die Kollegin aus einer anderen Abteilung, der Mann am Kaffeestand. An Tagen, an denen die Teilnehmenden mit mehr solchen Menschen zu tun hatten, berichteten sie über mehr Wohlbefinden und Zugehörigkeit.
Für alle, die viel allein arbeiten, ist das eine gute Nachricht. Gegen das Gefühl, abgeschnitten zu sein, braucht es nicht unbedingt mehr enge Freundschaften. Schon mehr kleine, echte Begegnungen können etwas verändern.
Wo die Datenlage dünn ist
- Kurze Zeiträume. Die Experimente messen die Stimmung direkt nach dem Gespräch oder am selben Tag. Ob regelmäßige Gespräche mit Fremden langfristig etwas verändern, ist deutlich schlechter untersucht.
- Bestimmte Orte und Gruppen. Pendler in Chicago, Studierende, Menschen in Kanada und den USA. Ob das in Kulturen, in denen man im Zug eher schweigt, genauso gilt, lässt sich daraus nicht sicher ableiten.
- Selbstauskunft. Wohlbefinden wird erfragt, nicht gemessen. Das ist in diesem Feld üblich, aber eine Grenze.
Gut belegt und gut wiederholt ist dagegen die zentrale Erkenntnis: Wir erwarten Gespräche mit Fremden schlechter, als sie dann sind.
Was daraus praktisch folgt
- Rechne mit dem Denkfehler. Wenn du zögerst, jemanden anzusprechen, ist die Erwartung „wird peinlich“ wahrscheinlich zu pessimistisch.
- Verlass dich nicht auf dein Bauchgefühl danach. Wenn du nach einem Gespräch denkst, es lief mäßig, fand es der andere vermutlich besser.
- Gib dem Gespräch einen Rahmen. Am schwersten ist der Anfang: Wer fängt an, worüber, wie lange? Ein fester Anlass und ein festes Ende nehmen genau diese Hürde weg — warum kurze Gespräche oft die besseren sind, steht hier.
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Belege
- Epley & Schroeder (2014): Mistakenly seeking solitude. Journal of Experimental Psychology: General
- Sandstrom & Dunn (2014): Social Interactions and Well-Being: The Surprising Power of Weak Ties. Personality and Social Psychology Bulletin
- Boothby et al. (2018): The Liking Gap in Conversations: Do People Like Us More Than We Think? Psychological Science
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